Portugal

Der Grenzübergang nach Portugal wird mir definitiv in Erinnerung bleiben. Er bestand eigentlich nur aus einem Strassenschild, doch sowohl landschaftlich wie auch wettertechnisch änderte sich von einem Moment auf den Anderen alles. Zehn Minuten bevor ich die Grenze überquerte wechselte das Wetter von Regen zu einem Hagelgewitter, so dass ich mich zu ein paar Bauarbeiter unter einen Unterstand flüchten musste. Als ich das Foto von dem Grenzübergang schoss, konnte ich bereits etwas blauen Himmel in der Ferne erblicken. Und nach meinen ersten zehn Minuten im neuen Land, hatte ich wieder das schönste Wetter, welches man sich nur wünschen kann. Die Schweine am Strassenrad waren verschwunden und nun schmückten Getreidefelder und viele wilde Blumen den Strassenrand.

Sonnenschein erwartete mich auch am nächsten Tag. Hoch über dem umgebenen Land lag das winzige Monseraz, ein charmantes Dorf, an dessen Rand sich eine Burg erhebte. Weissgetünchte Häuser mit krummen Wänden säumten die engen Strassen. Der Besuch ist noch immer eines der Highlights von Portugal und war die Höhenmeter definitiv wert. Man hatte herrliche Ausblicke auf den Alqueva-Damm und die in der Landschaft verstreuten Olivenhaine.

Nach der Abfahrt ging es flach weiter quer durch den Alemtejo nach Lissabon. Die Gegend war voll mit goldenen Ebenen, Wildblumenfeldern, weissgetünchten Dörfern mit Einwohnern, die noch am traditionellen Handwerk festhalten. Auf dem Weg lag Evora mit dem imposanten mittelalterlichen Stadtkern mit Kathedrale, den filmreifen Säulen des Templo Romano und einem malerischen Stadplaz, auf dem sich einst grausame Dinge abspielten. Ich aber interessierte mich vor allem um die Region um Evora. Hier gibt es erstaunlich viele jungsteinzeitliche Megalithen. Die sind spirituell, magisch, historisch und unglaublich. Sie werfen Fragen auf und geben in unserer Welt der Logik erfrischender Weise kaum Antworten.

Das Wetter war nun leider wieder schlechter. Jeder Morgen begann mit Regen. Die Nachmittage waren jedoch meist Sonnig, aber eben nicht immer. So blieb Zeit mir auch in die lokale Küche einzuessen. Sie ist sehr einfach: Es gibt Schweinefleisch, Wild, Brot, Käse und Weine. Aber hey, die Supermärkte sind endlich wieder gefüllt mit Dingen, die man auch essen kann. Und nebenbei führte meine Strecke über viele Erdbeerfelder mit bereits reifen Beeren.

Komplett durchnässt kam ich in Lissabon an. Ich nistete mich in einem Hostel ein und gönnte mir einen Ruhetag um die Stadt zu erkunden. Lissabon begeisterte mich ab der ersten Minute. Es ist einer dieser Städte ohne grosse Attraktionen und Museen, aber mit vielen engen Gassen und windumwehten Aussichtspunkten von welchen sich die ganze Schönheit der Stadt präsentierte. Du kannst tagelang planlos im die Gassen eintauchen und enddeckst immer wieder neue tolle Ecken. Überall gibt es gemütliche Kaffees mit Tassen für 70 Cent und einem Pastéis de Nata Törtchen dazu. Am Abend sind die Gassen gefüllt mit Leuten, denn Clubbing ist in Portugal weniger angesagt. Man trinkt lieber auf vor den Bars einige Biere. Und dann sind da die alten, gelben Trams welche durch die baumgesäumten Strassen klappern. Mit ihnen wollte ich eigentlich faul die Stadt erkunden. Nur waren sie so vollgestopft, dass ich mir diese Idee schnell wieder aus dem Kopf schlug.

Unter der der Hängebrücke durch, vorbei an Belem machte ich mich auf weiter nordwärts. Extravagant und exquisit zugleich wartete Sintra mit efeuüberzogenen Rapunzeltürmen, wild wuchernd botanischen Gärten und Wälder auf, aus denen wuchtige Granitblöcke herausragen. Ein Ort wie aus einer anderen Welt, ein Ort mit Märchenwald, Einhörnern und Feen, mit bewaldete Hügel, imposanten Burgen, majestätischen Parks und jahrhundertalten Klöstern, versteckt in den Wäldern. Würde Geld keine Rolle spielen, hätte ich hier Wochen verbringen können. So aber genügte ich mich mit dem Parque de Pena, in dem tropische Pflanzen, riesige Mammutbäume und Baumfarne, Kamelien, Rhododendren und Seen zu bewundern sind. Da ich mit dem Fahrrad nicht auf der Hauptstrasse eintraf, fand ich sogar einen weg etwas “günstiger” in den Park zu kommen. Inmitten des Parks steht das eklektizistische Schloss mit Zwiebeltürmen, maurischen Toren, sich windenden Steinschlangen und rosa und gelben, mit Zinnen versehenen Türmchen auf. Als ich die Parkanlage auch wieder unbemerkt verlassen hatte, machte ich mich auf in das Städtchen. Es gab viele alte Tavernen und über allem thronte der Palast mit den konischen Kaminen.

Zurück an der Küste ging es über Ericeira nach Peniche. Sie sind die Surfermekkas Portugals. Was der Reiz an diesem Sport ist, verstehe ich aber immer noch nicht, aber die Wellen waren wirklich grossartig.

In Peniche blieb ich für knapp eine Woche. Im Hostel in Lissabon lernte ich Boris kennen und er lies mich auf unbestimmte Zeit bei sich im Apartment wohnen. „Er müsse öfters für seine anstehende Leistenbruchoperation für eine Nacht nach Lissabon und wäre froh, wenn dann jemand auf seine Wohnung aufpasst.“ Dies war der ursprüngliche Deal.

Bosis war viel gereist in seinem Leben, lebte schon in verschiedenen Ländern und tolle Geschichten auf Lager. Ich entschied mich mein Fahrrad mit neuen Felgen ausrüsten zu lassen und bis es wieder einsatzbereit war bei Boris zu wohnen und mir seine Storys anzuhören. Ich hatte Zeit für eine Haarschnitt und all die anderen Dinge die sich so aufstauen. Es gab jeden Abend Cake und so liess ich mich auch auf seine aktuelle Verschwörungsgeschichte ein. Dies war es nämlich um was es sich alles drehte und wofür er mich brauchte.

Seiner Meinung nach, waren seine Vermieter ganz Dick im Prostituonswesen mit minderjährigen Mädchen tätig. Die Polizei der Umgebung sei entweder darin verwickelt oder verschliesse einfach die Augen vor allem. Er hatte zwei Privatdetektive engagiert und war selbst in der „Ermittlung“ tätig. Aus jedem Fall wurde er während der Zeit als ich bei ihm wohnte, beinahe verhaftet und schliesslich aus seinem Apartment geworfen. Ich genoss meine Ruhe, hörte mir viele Stories an und konnte, da er Gott sei Dank immer wieder auftauchte, mich aus der ganzen Geschichte heraus halten. Nachdem er all seinen Kram gepackt hatte, gingen wir zurück ins Hostel nach Lissabon. Mittlerweile ist Boris in Oslo und ich hoffe er kann die Geschichte für sich ruhen lassen. Ich hatte auf jeden Fall viel Spass zurück in Lissabon zu sein. Die Stadt ist wirklich toll. Ich erlernte im Hostel Sangria zuzubereiten, auf einer Staatsführung lernte ich über ihre Cant Fish tradition und degustierte Greenwine und Kirschlikör.

Neu befelgt ging es zurück an die Atlantikküste. Kühle Wassertemperaturen und frische Meereswinde sorgen dafür, dass die Strände insgesamt weit weniger besucht sind als jene der Algarve. Die Auswahl küstennahen Strassen war allerdings beschränkt und so beschloss ich das Meer nur zu besichtigen, wenn es auch eine Lagune zu betrachten gab. Es gab einen schönen Radweg, wenn man aber sonst von der Hauptstrasse auswich, war dies meist eine sehr holprige Angelegenheit. Portugal ist ein riesiger Fan von Pflastersteinen. Jedes Dorf, jede Altstadt, jede historische Route, alles ist zugepflastert.

Nachdem mir Lissabon so gefallen hat, beschloss ich auch in der zweitgrössten Stadt zwei Nächte zu verbringen. Porto präsentierte sich als farbenfrohe, etwas baufällige Filmkulisse aus übereinandergestapelten, mittelalterlichen Häusern, hoch aufragenden Glockentürmen und üppigen Barockkirchen. Vom gegenüberliegenden Ufer des Douro sah die Stadt aus wie eine aus Papier gefaltete Modellstadt. Doch bei genauerem Hinsehen erkannte man weit geöffnete Fenster, enge Gassen und steile Treppenaufgänge, die sich im Nirgendwo verlieren. K. Rowling lebte hier einige Jahre und betrat man ihre Stammteestube oder die Bücherei Livraria Lello befand man sich tatsächlich fast in der Harry Potter Welt. Daneben machte ich auch in Porto wieder eine Stadtführung und hier im Geburtsort des Portweins selbstverständlich auch eine Weintour. So war ich bestens vorbereitet meine Tour in das älteste Weingebiet der Welt fortzusetzen.

Ich startete entlang des Douros und bog anschliessend in das Tal des Rio Tamega ein. Danach ging es auf und ab durch die atemberaubende Landschaft des Alto Douro. Hinter jeder Kurve bot sich ein fantastischer Ausblick auf die typischen terrassenförmigen Weinreben. Der Höhepunkt war die Region um das kleine Städtchen Pinhao. Umgeben von den Weinbergen, auf denen einige der besten Portweine der Welt und auch einige verdammt gute Tafelweine wachsen, liegt es in einer besonders schönen Biegung des Douro. Weiter flussaufwärts wurden die Weingebieter rarer, die Böden trockener, die künstlich geformte Landschaft immer zerklüfteter. Es gab einzelne alte Dörfer mit Steinhäusern, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Alles schien sowieso sehr verlassen. Auch die Eisenbahnstrecke war stillgelegt, dafür gab es nun einen gut ausgebauten Fahrradweg. Nach der Fahrt durch den Parque Natural do Douro International endete ich schliesslich in der befestigten Grenzstadt Miranda do Douro. Grüne Bäume, graue und braune Felsen, Berge und Hügel, gekrönt von einem blauen Himmel. Ein letzter Blick auf die Douro-Schlucht und ihre über 200 Meter hohen Klippen, danach ging es über die Grenze zurück nach Spanien. Es erwartete mich Frost und nasses Wetter.

Ich kann nicht genau sagen warum, aber Portugal hat mir sehr gut gefallen. Landschaftlich gab es keine Überraschungen, es war aber immer ganz hübsch. Entlang vieler Strecken gab es gut ausgebaute Radwege und sonst hielt sich der Verkehr immer in Grenzen. Ich würde jederzeit zurück und sei es nun wegen dem tollen Wetter, den Pateis de Nata oder für einen spritzigen vinho verde.

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