Merzouga – Zagora

Ohne eine Kameltour gemacht zu haben verliess ich die Wüste wieder. Aber so spannend sind diese Sanddünen wirklich auch wieder nicht. Ausserdem stinken die Tiere. Bereits zwanzig Kilometer ausserhalb von Merzouga konnte man das schneebedeckte Atlasgebirge wieder sehen. Wie skurril ist dies, du fährst durch die Wüste und hast Blick auf Schnee. Meine erste Etappe war bereits in der nächsten Stadt zu Ende. Es war grosser Markttag in Rissani und Hamid wollte mir den Eselparkplatz zeigen. Danach führte er mich in einen Gewürzladen, ein Teppichgeschäft und zum Schluss in das Hotel seines Freundes. Überall gab’s ein Gläschen Tee und der Nachmittag war schnell vorbei. Für die Nacht im Hotel wollte der Besitzer 350 Dirham. Doch auch nach all den Berberwhiskies – 35 Schweizerfanken – geht’s noch? Und so verabschiedete ich mich freundlich. Man lief mir wie gehofft nach und vor dem Hotel einigten wir uns dann auf hundert Dirham.

Auf der Wüstenroute ging es weiter westlich. Die Strasse war mal wieder geteert und es herrschte praktisch kein Verkehr. Es war flach und ich hatte tolle Blicke auf Berge. Leute hielten an und machten Fotos von mir, erkundeten sich ob alles ok sei und ich wurde mit Essen beschenkt. Und nach drei Wochen Marokko traf ich endlich auch auf einen anderen Fahrradfahrer. Doch Jonas war leider in Gegenrichtung unterwegs.

Am folgenden Tag steuerte ich den Campingplatz in der Todgha Gorges an. Doch kurz vor meinem Ziel wurde ich am Strassenrand abgefangen. Eine Teeeinladung am Abend um fünf Uhr. Was dachte ich mir dabei, diese zu akzeptieren? Die ganze Familie bombardierte mich sofort mit tausenden von Fragen. Es war laut, es war hektisch, ich fühlte mich willkommen. Ich bekam zudem Brot mit Olivenöl. Selbstverständlich landete ich hier in einer Herberge. Und selbstverständlich blieb ich. Es liess sich auch noch ein dänisches Pärchen überreden zu bleiben und so konnten wir beide über die Situation lachen. Wir spielten den ganzen Abend Fussball, danach gab’s eine Tajine und haufenweisse Dessert. Am Abend sass die ganze Familie (um die 15 Leute) beisammen und es wurde getrommelt und viel gelacht. Die Frage wie viel Show war und wie viel Alltagsleben, blieb offen. Am Tag darauf wollte ich eigentlich mit dem Fahrrad die Todghaschlucht erkunden. Doch als das gigantische Frühstück endlich vertilgt war, war es dazu zu spät. Und so begleitete ich die Dänen und lies mich von zwei Brüder der Familie in ihrem Auto durch die Gorge chauffieren. Weder meine neuen Freunde, noch ich waren völlig befriedigt davon, die Natur aus dem Auto zu bewundern. Wir baten darum zurück zu wandern. Man verstand uns zwar nicht, aber man liess uns. Auch wenn nicht ohne Begleitung.

Ich blieb noch zwei weitere Nächte bei der Familie und endlich erhielt ich den Einblick, welchen ich eigentlich wollte. Dies Geschah indem die Tagesplanung durch zwei Motorradgruppen total auf den Haufen geworfen wurde. Neben der Herberge führt die Familie noch Restaurant wo hauptsächlich Reisegruppen bedient werden. Da beide Parteien unangemeldet auftauchen, beziehungsweise am Strassenrand abgefangen wurden, brach das totale Chaos aus. Mir band man ein Kopftuch um und steckte mich in eine Djellaba. Mit den zwei jüngeren Schwestern deckte ich die Tische, während aus dem Dorf Fleisch, Gemüse und Bier besorgt wurde. Die Gäste erhielten Tee, unterdessen wir in der Küche Gemüse schnippelten. Draussen lagen Spiesse auf dem Grill und innert kürzester Zeit war das Menü auch schon servierbereit. Danach gab‘s Mandarinen und es wurde getrommelt. Die Trommelfrage war nun also geklärt. Als man sich von der Gruppe verabschiedete, die letzten Fotos gemacht wurden und die Mädchen alle Telefonnummern der jüngeren Europäern gesammelt hatten, traf die zweite Gruppe ein. Und das ganze Spektakel wiederholte sich, während nun noch gleichzeitig Geschirr gewaschen wurde.

Von nun an war ich nicht mehr Gast, sondern wurde als Freundin gesehen. Die Mädchen erzählten mir davon, dass ihr ältester Bruder nicht will, dass sie arbeiten und so an ein Leben in der Küche gebunden sind. Für eine lokale Heirat waren sie bereits zu alt, hier heiratet man so um die 16. Die 24 jährige Fatima erzählte mir davon, dass sie einen Freund aus Österreich hatte, welcher sie zwei Mal für mehrere Wochen besuchte, ihr ein Smartphone kaufte. Sie sprachen sogar einmal von einer Hochzeit. Nun hat er sich aber seit drei Jahren nicht mehr richtig meldete. Lailla erzählte mir von ihrer Angst sich beim Waschen entjungfert zu haben. In der Hochzeitsnacht wird, so erzählte man mir, wird ein weisses Tuche auf das Bett gelegt. Ist da nach dem ersten Sex kein Blut zu sehen, war die Frau nicht mehr Jungfrau und wird davongejagt. Man diskutierte beim Znacht die Geschlechtskrankheit der Mutter und wollte eine Bestätigung von mir, dass es besser ist, dies im Spital zu behandeln als einfach abzuwarten. Man erzählte mir, dass das jüngste Kind ab morgen in die Schule ginge, weil das zweitjüngste ihm die Grundlagen des ersten Schuljahres nicht mehr motiviert beibringt. Die Fragen gingen bis dahin ob die Wahrsager in Europa zuverlässiger sind, als hier in Marokko. Ich war plötzlich Expertin in allem, versuchte alle zu beruhigen, Mut zuzureden. Ich muss gestehen, am ersten Tag als ich die Leute kennenlernte, hätte ich so etwas nicht erwartet.

Am vierten Tag besuchte ich mit Said eine verwandte Nomadenfamilie. Etwa für eine Stunde schoben wir unsere Fahrräder durch Geröll zu den naheliegenden Höhlen. Es blies ein unglaublicher Wind und ich war froh nicht mit Gepäck unterwegs zu sein. Der grösste Teil der Familie war mit den Schafen unterwegs und nur eine junge Frau und ein Kind waren bei ihrem Unterstand und den Jungtieren. Die Frau verschleierte sich sofort, als wir eintrafen und das siebenjährige Kind führte Said und mich in die Sitzecke. Wir bekamen Brot, Olivenöl und Tee. Und als Said grosszügig zugriff, traute auch ich mich etwas von ihrem Essen anzunehmen. Die Frau, bestimmt noch nicht volljährig und verheiratet, löste mit der Zeit ihre Vollverschleierung, es dauerte aber deutlich länger bis sie Said ansah, während sie zusammen sprachen.

Am Abend besuchte ich mit den zwei jüngeren Schwestern den Hamam im Dorf. In dem Steamerraum sassen unzählige andere marokkanische Frauen, die sich und ihre Kinder voller Elan wuschen. Es geht es darum, abgestorbene Haut zu entfernen, um wieder schöne, glatte Haut zu haben. Völlig frei und ungehemmt bewegten sich die Frauen dort in ihrer Nacktheit. Ich freute mich für sie. Es macht mich fröhlich, Menschen mit einem so natürlichen Körpergefühl zu sehen. Und dann noch Menschen, von denen ich es nicht erwartet hatte. Fatima ordnete mich an, mich auf den Boden zu setzen. Als erstes rieb sie mich von oben bis unten mit einer Seife ein. Danach nahm sie einen Schwamm in die Hand und begann mich abzurubbeln. Mit einer Stärke, die ich nicht erwartet hätte, fing sie bei den Füssen an und arbeitete sich bis ins Gesicht vor, wobei sie genauestens darauf achtete, keine Stelle auszulassen. Dabei machte ich einfach alles, was sie befahl: Beine anwinkeln, Arme hoch, auf den Bauch legen. Danach wurden mehrere Kessel voller Wasser über mir ergossen um die Haut-Spagetti abzuwaschen. Zum Glück wurde nicht erwartet, dass ich das Gleiche Prozedere bei ihr durchführte. Wer war nun die Verklemmte?

Nach der vierten Nacht bei der Familie war es an der Zeit weiterzuziehen. Was ich mitnahm war eine Erkältung. Trotzdem fuhr ich die nächsten fünf Tage Vollgas durch. Da erneut Schnee fiel, musste ich mit der Hauptstrasse vorlieb nehmen. Von Motorradfahrer erfuhr ich, dass es selbst für sie unmöglich war sich durch den Schlamm in den Bergen zu kommen. Kurz vor der Dadesschlucht übernachtete ich auf einem Campground. Der Hintergedanke war, dass ich so die Schlucht ohne Gepäck erkunden kann. Da ich der einzige Gast war durfte ich am Ende sogar in ihrem Restaurant vor dem Cheminée übernachten. Als ich die Schlucht wieder verlassen hatte, befand ich im Valley du Roses. Diese blühten, im Gegensatz zu den Mandelbäumen allerdings noch nicht. Ich amüsierte mich dafür an den tausenden pinken Taxis und die duftenden, rosaroten Shops. Auch die weitere Nächte übernachtete ich auf Campsites, einfach weil ich nicht so genau wusste was meine Gesundheit so will. Entweder waren sie voller Wohnmobile, mit Rentner aus Deutschland, Frankreich oder Holland oder dann war ich die einzige Person. Vor allem der letzte Teil der Strecke durch das Draa Valley war landschaftlich sehenswert. Es ging gemächlich bergab durch ein breites Flusstal mit Palmen, Lehmdörfern und freundlichen Menschen! In Zagora hatte ich eine Verabredung mit Andé, einem Fahrradfahrer aus Deutschland. Und es war nun endlich an der Zeit meine Erkältung auszukurieren.

Und nun bin ich bereits ein Monat in Marokko. Anfangs wahnsinnig nervös und nun endlich eingelebt. Ich weiss das ein Highfive oder das betätigen meiner Fahrradglocke oftmals hilft, rennende Kindern, welche um Süssigkeiten und Kugelschreiber betteln, davonzufahren, ohne dass sie dir Steine nachwerfen oder dir Dinge vom Velo reissen. Ich nerve mich nicht mehr, wenn man mich versucht mit überteuerten Touristenpreisen auszunehmen, sondern sehe das Ganze als Spiel und halte dann erst recht dagegen. Ich werde täglich von Männern und gelegentlich von Frauen auf einen Tee eingeladen. Ohne Erwartungen oder anzügliche Bemerkungen, sondern einfach nur um über Gott und die Welt zu sprechen. Die meisten sind neugierig warum ich alleine reise, wollten etwas über das Leben in Europa erfahren oder mich einfach ihrer Familie vorstellen. Ja es gibt sie, die ermüdenden, frustrierenden Momente, aber ich habe es so satt immer mit Vorurteilen auf die Leute zugehen zu müssen. Es ist so viel spannender wenn man auf den Bauch hört, den Moment geniesst und sich am Schluss überraschen lässt ob die Leute nun aus Gastfreundschaft oder als Verkäufer gehandelt haben.